Du bist ursprünglich Innenarchitektin aus Stuttgart – wie kam es dazu, dass du erst auf Bali als digitale Nomadin gelandet und schließlich in Portugal geblieben bist?
Mein Weg begann klassisch: Abitur, Praktika, Studium, noch mehr Praktika. Nach dem Bachelor folgte meine erste Junior-Position in einem Stuttgarter Büro – und dort kam die Ernüchterung. Das, was ich im Studium gelernt hatte, entsprach vielleicht fünf Prozent des tatsächlichen Berufsalltags. Statt kreativer Entwürfe und Materialcollagen habe ich Jour Fixes und Baubesprechungen vorbereitet, und habe gelernt, dass jeder Fehler im „echten“ Projekt teuer werden kann.
Stress war allgegenwärtig, und ich habe am Ende der Kette nur das Geringste abbekommen. Stärker traf es meine Projektleiter, die gesundheitlich sichtbar litten. Da wollte ich ganz schnell wieder raus und der einzige Ausweg, der sich damals richtig anfühlte, war: noch einmal studieren, mit der Hoffnung, dass der Master mich besser vorbereitet. Die zwei Jahre in Wiesbaden bedeuteten für mich auch zwei Jahre Selbstbestimmtheit. Diese Zeit habe ich sehr genossen – und trotzdem merkte ich gegen Ende: Ich bin immer noch nicht bereit, meine „Freiheit“ und meine Gesundheit für einen Job aufzugeben.
Also buchte ich ein One-Way-Ticket ans andere Ende der Welt, um dem Ganzen wieder auf Zeit zu entfliehen. Es ging nach Neuseeland, mit einem kleinen finanziellen Puffer, weil ich mein ganzes Hab und Gut verkauft hatte. Aber einen richtigen Plan hatte ich nicht. Alles was ich wusste, war was ich nicht will, und den Rest würde ich auf der Reise schon finden.
Die drei Monate waren magisch! So naturverbunden war ich bis dato nie wieder, denn ich bin jeden Tag gewandert, durch Wälder, am Strand entlang oder den Berg hinauf. Dabei traf ich auf junge Leute, die mit einem Work and Holiday Visum dort waren und Wochen oder Monate einfach irgendeine Handlanger-Arbeit gemacht haben. Obwohl das ein neuer, spannender Lebensstil war, konnte ich mir das für mich auf Dauer nicht vorstellen. Und so sollte es kommen, dass ich eine Mail mit einem Jobangebot von meiner ehemaligen Professorin aus Stuttgart bekam: Unbefristet, gut bezahlt, vertraute Umgebung – genau die Art Job, wo mein früheres Ich dachte (und meine Familie auch) „sowas kriegst du nicht wieder“. Ich nahm den Job an, um wieder Perspektive zu haben, doch bevor es nach Deutschland ging, machte ich noch einen Abstecher, der später eine entscheidende Rolle spielen würde: ich ging 2 Wochen nach Fidschi…
Den neuen Job begann ich im Januar 2018. Es war rattenkalt in Deutschland, es schneite in Stuttgart, ich bin im Dunkeln zur Arbeit und wieder zurück und fühlte mich nach wenigen Monaten wie „betäubt“. Der Alltagstrott, immer dieselbe Ubahn, lange Gesichter, Freizeitstress am Wochenende und dann wieder keinen Bock auf Montag. Es schlich sich eine Panik ein „wird so jetzt mein Leben die nächsten 40 Jahre aussehen?!“
Gab es einen konkreten Moment oder ein Erlebnis, das den Entschluss „Ich wandere aus“ wirklich ausgelöst hat?
Eine entscheidende Begegnung mit einem Local auf Fidschi gab mir schließlich eine neue, ganz andere Perspektive. Er machte mir bewusst, dass ich – im Gegensatz zu ihm – in einer unglaublich privilegierten Situation war: genug Geld, einen deutschen Pass, ein stabiles familiäres Backup, Bildung und Zugang zu Wissen, die nötige Hardware, um ortsunabhängig arbeiten zu können.

Ich muss nicht in einem Büro in Deutschland sitzen, um Geld zu verdienen, sondern ich kann überall hingehen. Ich muss auch nicht einen Job machen, der mich nicht erfüllt, sondern kann das machen, was mir Freude macht. Ich kann mein Leben selbst bestimmen, selbst gestalten. So viele Menschen können davon nur träumen, also hatte ich in Wirklichkeit keine ehrliche Ausrede, nicht meinen Träumen zufolgen.
Die Google-Suche nach „reisen und arbeiten“ brachte mich auf das Thema virtuelle Assistenz. Struktur, Organisation, Überblick behalten – das lag mir. Mit Hilfe meines Cousins entstand meine Website, ich legte Social Media Kanäle an und erzählte jeden was ich vor hatte. Innerhalb von 6 Monaten war mein 1. Business geborgen und dank meines bestehenden Netzwerkes hatte ich die ersten Aufträge.
Parallel dazu baute ich mir ein 2. Standbein auf, welches mir richtig Spaß machte: als Zumba®-Instructor! Und ich bin richtig stolz, dass ich in Studios in Deutschland, Australien und Portugal unterrichten durfte.
Meine spätere Auswanderung nach Portugal, mit all den Hürden und Fehlern, die ich gemacht habe, hat mir dann die Idee zu meinem 3. Standbein gegeben: deutschsprachige Unterstützung zu geben und die Ansprechpartnerin für andere mutige Menschen zu sein, die ich mir selber damals gewünscht hätte. Durch meine eigenen Erfahrungen, mehrere Jahre Kundenarbeit und ein gewachsenes Netzwerk an Expert*innen kann ich hier praxisnah unterstützen und vor allem menschliche Hilfestellung geben, die keine KI ersetzen kann.
Arbeiten & Leben in Portugal
Viele auslandszeit.de-Leser träumen davon, ihren Job ins Ausland mitzunehmen. Was sollte man wissen, wenn man für einen deutschen Arbeitgeber aus Portugal heraus arbeiten möchte? Wäre das auch ein für dich interessanter „Langfrist-Plan“ gewesen?
Hier ist es wichtig, eine Illusion grundlegend aufzulösen: Man kann nicht einfach mit dem bestehenden deutschen Arbeitsvertrag in einem anderen Land weiterarbeiten – selbst wenn eine Remote-Klausel im Vertrag steht oder es den Arbeitgeber scheinbar nicht interessiert, wo man sich aufhält.
Sobald Wohnsitz, ständiger Aufenthalt und/oder Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegt werden, ändert sich die rechtliche Situation, und das bisherige Angestelltenverhältnis kann in dieser Form nicht weitergeführt werden.
Es gibt jedoch Möglichkeiten, wie die Zusammenarbeit bestehen bleiben kann, z.B.
- Eine Entsendung für ein bis zwei Jahre zu einer Tochterfirma des Unternehmens in Portugal.
- Eine Festanstellung direkt bei dieser Tochterfirma mit lokalem Arbeitsvertrag.
- Eine Zusammenarbeit über eine Employer-of-Record-Agentur, die das Arbeitsverhältnis zwischen den zwei Ländern rechtlich abbildet
- Als Freelancer weiterhin für deutsche Kunden arbeiten (aus meiner persönlichen Erfahrung gehen die meisten diesen Weg)
Portugal gilt als vergleichsweise günstiges Reiseland, aber wie ist es als Wohnort? Mit welchem Budget sollte man wirklich rechnen?
Da ich bei Lissabon lebe, was ein beliebter Wohnort und gleichzeitig sehr touristisch ist, habe ich Portugal nie als viel günstiger wahrgenommen. Natürlich kann man sparen – auf dem Wochenmarkt oder im kleinen Café um die Ecke. Der größte Kostenfaktor bleibt jedoch die Miete.
Der Mindestlohn liegt aktuell bei rund 920 Euro brutto im Monat, während kleine Wohnungen oft schon deutlich darüber liegen. Auch das durchschnittliche Bruttogehalt ist wesentlich niedriger als in Deutschland. Wer als Angestellte*r hier leben möchte, sollte sich dessen bewusst sein und den eigenen Lebensstil entsprechend anpassen können.
Gleichzeitig gehört für mich Respekt dazu: nur weil man höhere Mieten zahlen kann, heißt das nicht, dass man es sollte. In den Vororten, auf dem Land und in weniger touristischen Städten sind die Mietpreise erschwinglicher.

Die Herausforderungen
Was war dein persönlich größter Stolperstein bei der Auswanderung – und was hättest du gerne vorher gewusst?
Meine größte Hürde war Naivität. Ich dachte: EU ist EU – das wird schon ähnlich laufen. Besonders die Anmeldung und Führung meiner Selbstständigkeit habe ich komplett unterschätzt.
Ich ging davon aus, mein deutsches Buchhaltungstool weiter nutzen zu können, als Kleinunternehmerin zu gelten und für die Steuererklärung einfach eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR) abzugeben. Die Realität sah anders aus. Nach wenigen Monaten lag eine 500-Euro-Strafe im Briefkasten – und ich hatte keine Ahnung, was ich falsch gemacht hatte.
Eine verständliche Einführung ins portugiesische Steuersystem und in das Online-Portal der Finanzbehörden hätte mir enorm geholfen.
Bürokratie in Portugal ist für viele ein Schreckgespenst. Wo lauern die häufigsten Fettnäpfchen, in die Deutsche tappen? Wie kannst du hier helfen?
Viele versuchen zunächst, alles selbst zu recherchieren – im Internet oder mit KI. Doch dort findet man oft nur Halbwissen oder vereinfachte, „idealisierte“ Darstellungen. Die tatsächliche Umsetzung sieht häufig anders aus.
Du bist als Frau alleine ausgewandert. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht – war das eine besondere Herausforderung? Was würdest du heute anders machen?
Ganz klar: früher mit der Sprache beginnen. Ohne Portugiesisch Kenntnisse in ein Amt zu gehen, war extrem verunsichernd. Wer sich verständigen kann, gewinnt sofort an Selbstvertrauen und wird anders wahrgenommen.
Auch bei der Wohnungssuche würde ich mir mehr Zeit lassen und mir die Wohnung richtig anschauen. Als Innenarchitektin bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass es in Portugal eine andere Bauweise gibt und ich bei der Besichtigung besser hingucken muss, aber eine im Winter schimmleige erste Wohnung hat mich das gelehrt.
Mir persönlich ist es sehr leichtgefallen, direkt Anschluss zu finden – vielleicht gerade weil ich alleine war und in der Selbstverantwortung stand, mir ein soziales Umfeld neu aufzubauen. Man kann über Sport, Hobbies, oder über die Schulen der eigenen Kinder gut Leute kennen lernen, aber man muss selber aktiv werden.
Portugal: Realität vs. Erwartung
Was liebst du an Portugal, was hast du nie erwartet – und was vermisst du manchmal doch aus Deutschland?
Was ich am meisten liebe ist, dass mein Alltag viel draußen stattfindet. Der 1. Kaffee morgens auf dem Balkon, Mittagspause im Garten, eine Runde mit dem Hund im Park oder abends zum Sonnenuntergang an die Promenade.
Außerdem habe ich in Portugal gelernt, gelassener zu werden und manche Sachen einfach hinzunehmen, statt mich groß drüber aufzuregen. Stromausfall? Dann ist das so. Kein Wasser? Irgendwer wird es lösen. Geduld, Akzeptanz und Humor sind hier wertvolle Kompetenzen. Wer in ein anderes Land zieht, sollte akzeptieren, dass vieles anders läuft – und dass anders nicht schlechter bedeutet.

Aus Deutschland vermisse ich kaum etwas und eigentlich ist gerade der Verzicht z.B. auf lecker Brot oder auf meine Familie & Freude, was jeden Besuch im Heimatland besonders macht.
Für wen ist eine Auswanderung nach Portugal wirklich geeignet – und wen würdest du eher davon abraten?
Eine Auswanderung verlangt Offenheit und die Bereitschaft, eigene Denkmuster zu hinterfragen, eine neue Sprache zu lernen, sich neue Freundschaften erarbeiten, neue Abläufe verstehen. Und all das braucht Zeit. Wer sich diesen Prozess zugesteht, wird daran wachsen. Eine Auswanderung ist so viel mehr als nur ein Umzug in ein anderes Land. Es ist eine Reise zu sich selbst.
Und wer nach einiger Zeit merkt, dass es doch nicht das richtige ist, hat es wenigstens versucht und nichts zu bereuen. Denn was am Ende wirklich zählt ist, dass man was mit seinem Leben gemacht hat – schließlich haben wir nur eins.
Das ist Svenja Stapper:
Svenja Stapper begleitet mutige Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf dem Weg durch den Bürokratie-Dschungel Portugals. Ihr Fokus liegt dabei auf der erfolgreichen Anmeldung der Solo-Selbstständigkeit sowie dem Verständnis des Rechnungs- und Buchhaltungssystems, damit man mit Selbstbewusstsein sein Business starten oder weiterführen kann. Als Auswanderungsberaterin mit eigenen Online-Kursen hat sie bereits über 100 Menschen beim Start in ihr neues Leben unterstützt. Svenja ist bereits seit 2019 selbstständige Virtuelle Assistentin für ArchitektInnen und Designer tätig und reiste 1 Jahr als Digitale Nomadin, u.a. nach Bali und Brisbane. Ende 2020 brachte sie der Zufall nach Lissabon und lies sie Zelte aufschlagen. Auch wenn Svenja den Winter immer noch gerne in warmen Ländern verbringt, fühlt sie sich in Portugal am meisten „Zuhause“. Authentische Einblicke ins Leben vor Ort und auf Reisen teilt sie in Co-Kreation auf dem Podcast „Leben in Portugal“ oder in ihrem Post-aus-Portugal-Newsletter.

Deine Kontaktmöglichkeiten zu Svenja Stapper:
Vielen Dank, Svenja, dass du deine Reise, deine Learnings und auch deine Stolpersteine so transparent mit uns teilst. Deine Geschichte zeigt, dass Auswandern mehr ist als ein Ortswechsel, es ist eine Entscheidung für ein bewusst gestaltetes Leben.
Das Team von Auslandszeit.de
© Titelbild: Tilindyte Photography


